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Wie kann man Unfallrisiken bei der Energieerzeugung quantifizieren?*

Was sind die dabei auftretenden Probleme?

* Genau genommen handelt es sich nicht um „Energieerzeugung“ sondern um die „Umwandlung von Energie in eine für den Menschen nutzbare Form“

Von Rolf Krieg
(
Rolf.Krieg@energie-fakten.de, Lebenslauf)

KurzfassungKrieg

All unser Handeln – auch unser Nichthandeln – ist mit Risiken verbunden. Wir können diese Risiken durch Sicherheitsvorkehrungen zwar reduzieren, aber niemals ganz eliminieren. Deshalb sind die trotz aller Bemühungen noch verbleibenden Restrisiken etwas ganz Selbstverständliches. Viele von uns haben diese grundlegende Erkenntnis verdrängt. Nur gelegentlich, wenn sich beispielsweise ein schlimmer Unfall ereignet, wird uns die Unvermeidbarkeit von Restrisiken wieder bewusst. Oft wollen wir dann eine Technik, die einen solchen Unfall nicht absolut auszuschließen vermag, sofort einstellen und übersehen dabei, dass ähnlich Schlimmes auch bei anderen Techniken denkbar ist. Sinnvoller ist die Frage: Wie häufig ereignen sich solche Unfälle und wie realistisch sind erdachte Unfälle?

Erfahrungen hierzu liefern die vom schweizer Paul-Scherrer-Institut gesammelten Daten über schwere Unfälle im Energiebereich in den letzten 30 Jahren. Erfasst werden nachfolgend nur Unfälle mit mindestens 5 Todesopfern. Bei der Nutzung fossiler Energien waren in den OECD-Ländern fast 400 Unfälle mit etwa 9000 Toten, in den übrigen Ländern dagegen fast 1500 Unfälle mit mehr als 40000 Toten zu beklagen. Bei der Wasserkraft entfiel auf die OECD-Länder nur ein Unfall mit 14 Toten, auf die anderen Länder entfielen 10 Unfälle mit nicht weniger als 30000 Toten, darunter zwei Staudammbrüche in China mit 26000 Toten. Dies bedeutet zum einen, dass Risiken sehr stark von der Qualität und der Wartung einer Anlage abhängen und zum anderen, dass einzelne Katastrophen offenbar hingenommen werden, wenn wir selbst nicht betroffen sind und wenn die in Rede stehende Technik ein positives Image hat. Nach derselben Quelle waren bei der Nutzung der Kernenergie in den OECD-Ländern keine Todesopfer und in den übrigen Ländern als unmittelbare Folge des schweren Unfalls in Tschernobyl nur 31 Todesopfer zu beklagen. Hier müssen aber unbedingt noch die enormen ökologischen und ökonomischen Schäden erwähnt werden und die große Zahl der befürchteten Spätfolgen-Todesopfer. Dies bedeutet allerdings „nur“, dass die Lebenserwartung der dortigen Bevölkerung kaum merklich abnehmen wird. Das Hinzuzählen der Spätfolgen-Todesopfer ist deswegen problematisch. Bei den anderen Energien wird dies in der Regel unterlassen.

Wahrscheinlichkeitsmodelle werden eingesetzt bei Risiken infolge seltener schwerer Unfälle, wo Erfahrungen zwangsläufig noch fehlen. Die Ergebnisse liefern sehr detaillierte Zahlen, die es gestatten, Schwachstellen zu identifizieren. Nachteilig sind der große Aufwand bei der Beschaffung der erforderlichen Ausfalldaten für die einzelnen Bauelemente, die schwer abzuschätzende Genauigkeit der berechneten Zahlen und die mangelnde Transparenz des Berechnungsweges. Da der Einsatz von Wahrscheinlichkeitsmodellen für Sicherheitsnachweise unüblich ist, macht auch die Interpretation der Ergebnisse Schwierigkeiten.

Deterministische Modelle verzichten auf Ergebnisse mit detaillierten Zahlen und vermeiden so die oben erwähnten Probleme. Das Versagen einzelner Bauteile wird ausgeschlossen, wenn sein einwandfreier Zustand und seine Beanspruchung zuverlässig kontrolliert werden können, wenn ein ausreichender Abstand zur Versagensbeanspruchung eingehalten wird und wenn der physikalische Versagensprozess sehr gut bekannt ist. Im günstigen Fall lautet dann das Ergebnis: Ein bestimmter Unfall ist nach menschlichem Ermessen ausgeschlossen.

Gelegentlich wird eingewandt, dass Restrisiken ja niemals ausgeschlossen werden können und deswegen genau genommen nur Wahrscheinlichkeitsmodelle, die dies zu berücksichtigen gestatten, zulässig seien. Deterministische Modelle wären danach nur Näherungen. Dem ist entgegenzuhalten, dass genau genommen Wahrscheinlichkeitsmodelle nur für Zufallsprozesse gelten, während die Ausfälle von Bauteilen eigentlich nicht dem Zufall unterliegen, sondern ganz bestimmte physikalische Ursachen haben. Wahrscheinlichkeitsmodelle sind deswegen auch nur Näherungen.

Die Ausführungen belegen, dass quantitative Beschreibungen von Unfallrisiken, zumindest aber wohl fundierte ja/nein-Aussagen durchaus möglich sind, dass aber die sachgerechte Durchführung umfangreiche Fachkenntnisse und Augenmaß erfordern. Insbesondere die Ergebnisse von Wahrscheinlichkeitsmodellen sind für den besorgten Bürger schwer nachvollziehbar. Wohl fundierte ja/nein-Aussagen auf der Basis von deterministischen Modellen kommen den legitimen Bedürfnissen der Bürger mehr entgegen. Sie lassen sich besser verstehen.

Weitere Informationen können Sie der Langfassung entnehmen.
Hier können Sie Kurz- und Langfassung gemeinsam als PDF downloaden (PDF, rd. 50 kB). Dieser Beitrag wurde am 11. Dezember 2008 veröffentlicht.

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