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Was wissen wir heute über die Folgen des Reaktorunfalls von Tschernobyl vor 20 Jahren ?

Von Joachim Grawe
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Joachim.Grawe@energie-fakten.de)Grawe

Kurzfassung

Am 26. April 1986 zerriss eine durch grobe Fahrlässigkeit der Bedienungsmannschaft herbeigeführte Leistungsexkursion den Block IV des sowjetischen Kernkraftwerks Tschernobyl (Ukraine). Sie löste einen mehrtägigen Graphitbrand aus. Das Ereignis war der mit Abstand größte Unfall in den bisher rd. 50 Jahren der zivilen Nukleartechnik. Eine radioaktive Wolke zog über Europa. Die Folgen des Unfalls sind besonders in einigen Gebieten der Ukraine, Weissrusslands und Russlands noch heute deutlich zu spüren.

Ein derartiger Unfall kann zwar in westlichen Leichtwasserreaktor-Kernkraftwerken nicht passieren. Die RMBK-Reaktoren sowjetischer Bauart wurden ihrerseits nachgerüstet mit dem Ziel, dass er sich auch bei ihnen nicht wiederholt. Dennoch ist das Studium der Auswirkungen von Tschernobyl wichtig. Die Ergebnisse erweitern die auf den Atombombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki (siehe dazu Biologische Wirkungen ionisierender Strahlung und die Befunde von Hiroshima und Nagasaki sowie Wie groß ist das Risiko von Erbschäden durch ionisierende Strahlung ?) beruhenden Kenntnisse über die Wirkung größerer Strahlenbelastungen der Bevölkerung. Unabhängig von der Hilfe für die betroffenen Menschen, bei der sich gerade deutsche Initiativen stark engagieren, untersuchen deshalb Wissenschaftler aus aller Welt unter Koordination durch die zuständigen UNO-Organisationen WHO und IAEA die Folgen des Unglücks, bes. auch für die menschliche Gesundheit.

2005 haben die (im "Chernobyl Forum" zusammengeschlossenen rd. 100) internationalen Experten einen umfangreichen Bericht über den aktuellen Stand der Erkenntnisse vorgelegt (2. überarbeitete Fassung vom April 2006) und auf einer Konferenz Schlussfolgerungen dazu verabschiedet. Die „Energie-Fakten.de“ haben in der Rubrik Hintergrund-Materialien den englischen Wortlaut des Berichts sowie eine Übersetzung der Pressemitteilung dazu veröffentlicht. Wesentliche Passagen aus der Zusammenfassung („Executive Summary“) und die Schlussfolgerungen der Konferenz werden in diesem Beitrag auf Deutsch wiedergegeben und damit einer breiten Leserschaft zugänglich gemacht. Die Texte unterscheiden sich in ihrer wissenschaftlichen Nüchternheit wohltuend von subjektiven Darstellungen einzelner engagierter Beobachter.

Die wesentlichen Ergebnisse hinsichtlich der Auswirkungen von Tschernobyl auf die Gesundheit der betroffenen Menschen in der früheren Sowjetunion lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Es gab 31 Soforttote.
  • Weitere rd. 20 Menschen dürften später an Strahleneinwirkungen gestorben sein.
  • Insgesamt müssen etwa 4.000 der 600.000 mit höheren Strahlendosen beaufschlagten Personen (sog. Liquidatoren und spät umgesiedelte Bewohner einer 30-km-Schutzzone um den Reaktorstandort) mit einer Verkürzung ihrer Lebensdauer rechnen.
  • Bei mehreren tausend Kindern, bes. in der Region Gomel, trat infolge des Einatmens von radioaktivem Jod Schilddrüsenkrebs auf; mehr als 99 % davon konnten jedoch geheilt werden.
  • Eine messbare („signifikante“) Zunahme der Erkrankungen an Krebs und Leukämie sowie von Fehlgeburten und Missbildungen Neugeborener (Anmerkung von mir: die ursprünglich befürchtet worden war) über das normale Maß hinaus wurde nicht festgestellt.
  • Insbesondere viele aus der Schutzzone umgesiedelte Menschen sind psychisch stark belastet.

Weitere Informationen können Sie der Langfassung entnehmen.
Hier können Sie Kurz- und Langfassung gemeinsam als PDF downloaden (PDF, 80 kB). Dieser Beitrag wurde am 11. April 2006 veröffentlicht.

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