Energie-Fakten.de -> Archiv -> Ist in Deutschland mit einer sogenannten Stromlücke zu rechnen?
Veröffentlicht: 5. August 2010.

Ist in Deutschland mit einer sogenannten „Stromlücke“ zu rechnen?

Stand 2010

Von Eberhard Wagner
(
Eberhard.Wagner@energie-fakten.de, )

KurzfassungWagner

In den Energie-Fakten wurde erstmals im Juni 2008 diese Thematik behandelt: Ist in Deutschland mit einer sogenannten Stromlücke zu rechnen? Die grundsätzlichen Voraussetzungen für das Entstehen einer derartigen „Stromlücke“ haben sich seitdem nicht verändert. Die Gefahr von Unterbrechungen der Stromversorgung haben sich eher vergrößert. Real handelt sich um eine momentane Situation mit zu geringer zugriffsbereiter Kraftwerks-Leistung.

Ursachen

Eine gesicherte Stromversorgung ist nur möglich, wenn zu jedem Zeitpunkt das Gleichgewicht zwischen verfügbarer, unmittelbar zugriffsbereiter Kraftwerksleistung und von den Verbrauchern geforderter Leistung besteht. Bereits minimale Abweichungen von diesem Gleichgewicht zwingen zu komplizierten Regelvorgängen in Kraftwerken und Übertragungsnetzen. Ungleichheiten machen sich in Abweichungen der Frequenz von der Sollfrequenz von 50 Hertz (Hz) bemerkbar. Abweichungen von bis zu plus/minus 0,1 Hz sind dabei normal. Können größere Abweichungen nicht schnell behoben werden, kann es zu Abschaltungen bei Großverbrauchern (Industrie) und ganzen Regionen kommen. Auch der Zusammenbruch des europäischen Verbundnetzes ist möglich. Näheres ist im o. g. Beitrag ausgeführt.

Studien 2008

Leistung der Windkraftwerke 2006 bis 2010
Leistung der Windkraftwerke 2006 bis 2010

Mit diesem Thema hatten sich im Jahr 2008 zwei Studien befasst. Eine vom Umweltbundesamt (UBA), die andere von der Deutschen Energie-Agentur (Dena). Diese kamen zu gegensätzlichen Beurteilungen. Eine Studie des Öko-Institutes gab seinerzeit einen bemerkenswerten Hinweis zu wirtschaftlichen Aspekten des Neubaus fossil befeuerter Kraftwerke, der sich nun (Mitte 2010) zu bestätigen scheint. Die Bundesregierung selbst verneinte eine Gefährdung der Stromversorgung. Mitte 2010 wurde eine weitere Untersuchung aus dem Jahr 2008 bekannt. In einem „Diskussionspapier Kraftwerkspark“ erkennen die Verfasser keinen Beleg für das Entstehen einer „Stromlücke“. Sie stellen heraus, dass diese Thematik eine „Drohkulisse“ und für das Lösen der anstehenden Probleme eher kontraproduktiv sei.

Dena-Studie 2010

Im Februar 2010 veröffentlichte Dena eine „Aktualisierung der Kurzanalyse der Kraftwerksplanung in Deutschland bis 2020: Schlussfolgerungen und Fazit“. Die Ergebnisse der Untersuchungen aus dem Jahr 2008 werden weitgehend bestätigt. Es wird festgestellt, dass nicht ausreichende Investitionen in moderne fossil befeuerte und „erneuerbare“ Kraftwerke getätigt werden. 2020 könne deshalb die Jahreshöchstlast nicht gesichert abgedeckt werden. Besonders der Verzicht auf weitere Neubauten im Bereich Kohle- und Erdgas-Kraftwerken führe zu einem längerem Betrieb älterer und ineffizienter Kraftwerke, was auch mit höheren CO2-Emisionen verbunden sei. Die Lücke zwischen Bedarf und zur Verfügung stehender Kraftwerks-Leistung gegenüber der Untersuchung von 2008 habe sich um etwa 1.000 MW vermindert. Das ergäbe sich aus den Stillständen und der geringeren Auslastung der Kernkraftwerke, weil sich damit deren „Reststrommenge“ erhöht habe. Weiterhin habe sich die Gesicherte Leistung durch den starken Ausbau von Biomasse-Anlagen erhöht.

Dena urteilt in der Studie 2010, dass der Neubau hocheffizienter fossil befeuerter Kraftwerke nicht zu einer Behinderung des weiteren Ausbaues Erneuerbarer Energien führe. Vielmehr sei der Zubau von Kohle- und Erdgas-Kraftwerken und zugleich der weitere Ausbau der Erneuerbaren Energien erforderlich. Dena hält die Schaffung stabiler Rahmenbedingungen durch die Politik für unerlässlich, um zukünftige Investitionen in Kraftwerke und Netze zu sichern. Gleichermaßen sei die Akzeptanz für derartige Infrastrukturmaßnahmen in der Öffentlichkeit zu erhöhen.

Aktuelle Entwicklung – Mitte 2010

Leistung der Windkraftwerke 2006 bis 2010
Stromerzeugung und Kennwerte deutscher Windkraftanlagen

Den Ergebnissen der Dena-Studien steht eine vermutlich bedeutsam werdende Verlautbarung eines Betreibers von fossil befeuerten Groß-Kraftwerken entgegen. Dieser beabsichtigt, keine Investitionen in weitere Kohle-Kraftwerke zu tätigen. Für diese Reaktion werden nicht nur die allgemeine Genehmigungs- und Akzeptanz-Probleme Ursache sein, sondern wahrscheinlich auch die Erkenntnis, dass ein akzeptabler Kapitalrückfluss für derartige Investitionen kaum erwartet werden kann. Die Strom-Erzeugungskosten werden durch die zu erwartenden Minderauslastungen (Teillastbetrieb) dieser Kraftwerke keinen wirtschaftlichen Betrieb gestatten. Damit werden einige Forderungen bzw. Voraussetzungen der betrachteten Studien nicht erfüllt. Die o. g. Beurteilung des Öko-Instituts (siehe Langfassung dieses Artikels: Öko-Institut: Klimaschutz und Stromwirtschaft 2020/2030) hat damit einen Beleg gefunden.

Fazit

Den Dena-Studien sind trotz der vorgenannten Einschränkungen eine höhere Plausibilität und Realitätsnähe einzuräumen als der Studie des Umweltbundesamtes. Auch das „Diskussionspapier Kraftwerkspark“ enthält keine ausreichende Bewertung der Problematik der Gesicherten Leistung, besonders der von Wind- und Sonnen-Kraftwerken. Dieses Problem ist bei der Beurteilung der zukünftigen Versorgungs-Sicherheit jedoch von weitreichender Bedeutung. Eine oder häufiger eintretende Störungen der Versorgung sind demnach sehr wahrscheinlich.


Gesicherte Leistung
Die Eigenschaft von Kraftwerken, zuverlässig zu jedem Zeitpunkt eine höchstmögliche Leistung bereitstellen zu können, nennt man "Gesicherte Leistung".

Weitere Informationen können Sie der Langfassung (pdf, 400 kB) entnehmen.

Hier können Sie Kurz- und Langfassung gemeinsam als pdf downloaden (pdf, rd. 400 kB). Die beiden Grafiken (pdf, 280 kB) können Sie ebenfalls heruntenladen. Dieser Beitrag wurde am 5. August 2010 veröffentlicht.

Ein kostenfreies Programm zur Darstellung und zum Ausdruck von PDF-Dateien und zusätzlichem Browser Plug-In zur On-Line-Darstellung in Ihrem Browser erhalten Sie zum Beispiel unter folgenden Adressen:

Adobe Deutschland

Adobe International

Siehe auch:

Jemandem diese Seite per Email empfehlen.

Hier können Sie gratis unseren Newsletter bestellen und sich über neue Antworten auf unserer Webseite informieren lassen.