Energie-Fakten -> Herausgegriffen -> Was sind die Folgen des Schweizer Atomausstiegs?
Veröffentlicht: 7. Juli 2011; Aktualisiert: 26. Juli '11, 05. März '12, 6. Juni '12 und 7. Jan. '13

Was sind die Folgen des Schweizer Atomausstiegs?

Wie wird die Schweiz zukünftig ihren Strombedarf decken?

Von Klaus Theißing
(
Klaus.Theissing@energie-fakten.de)

Antwort

TheißingDer Reaktorunfall in Fukushima hat auch die Energiediskussion in der Schweiz verändert. Nachdem im Jahr 2010 noch drei Gesuche zur Errichtung neuer Kernkraftwerke bei den Behörden eingereicht worden waren, soll nun der Ausstieg aus der Atomkraft bis zum Jahr 2034 vollzogen werden. Gemäß einer Umfrage des Schweizer Wirtschaftsdachverbands Economieswisse würden 67 % der befragten Bürger für einen Atomausstieg stimmen, und 65 % sind bereit, dafür höhere Strompreise in kauf zu nehmen. Rund die Hälfte der Befragten würden für den Ausstieg auch eine Reduzierung der Versorgungssicherheit – also vermehrte Stromausfälle – hinnehmen. [1]

  1. BR Doris Leuthard
    Bundesrätin
    Doris Leuthard
    Ausstieg aus den Planungen für zu errichtende neue Kernkraftwerke
    Nach dem Unfall wurden die drei Bewilligungsgesuche durch die Bundesrätin des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek), Doris Leuthard, „sistiert“, also „auf Eis gelegt“. Am 25. Mai 2011 entschied der Schweizer Bundesrat, die bestehenden Kernkraftwerke nach Ende der Laufzeit nicht durch neue Anlagen zu ersetzen. Am 8. Juni 2011 entschied der Nationalrat den Atomausstieg. [2]
  2. Laufzeitbegrenzung der bestehenden Anlagen
    Der Bundesrat geht für die bestehenden fünf Kernkraftwerke von einer Laufzeit von 50 Jahren aus. Dementsprechend würde das erste Kernkraftwerk im Jahr 2019, das letzte im Jahr 2034 stillgelegt.
    In Deutschland hingegen waren die Genehmigungen bis 2000 unbefristet. Nach der „Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Energieversorgungsunternehmen“ (pdf, rd. 80 kB) sollten die Anlagen über eine Begrenzung der Strommenge rd. 32 Jahre betrieben werden können. Nach der „Energiewende“ wird der Ausstieg aus der Kernenergie nun bis 2022 vollzogen sein. Wenn die Schweiz mit dem Atomausstieg beginnt, hat ihn Deutschland schon weitestgehend umgesetzt. (Siehe auch: Was bedeuten die Energiebeschlüsse der Bundesregierung vom 29. Mai 2011?)
  3. Sicherheit der in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke
    ensi-Umfrage
    Ergebnisse der Befragung „Wie sicher sind die schweizerischen Atomkraftwerke?“
    [9, eigene Grafik]
    UVEK: Eine Überprüfung der bestehenden Anlagen ergab – so das Uvek – dass der sichere Betrieb der Schweizer Kernkraftwerke gewährleistet sei.
    ENSI: Das Eidgenössiche Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI, ein „AKW-TÜV”) hat als Aufsichtsbehörde nach dem Fukushima-Unfall eine Reihe von Maßnahmen und Überprüfungen angeordnet. Obwohl die ENSI Nachrüstungsbedarf sieht, verbleiben die Kernkraftwerke in Betrieb, die Nachrüstungen werden abgearbeitet. Siehe: Was sind die Folgen von Fukushima für die Schweizer Kernkraftwerke?
    Bevölkerung: Die Meinung der Bevölkerung ist hingegen gespalten: 19 % halten die Kernkraftwerke nicht sicher, 45 % halten sie für sicher. Dabei erhält das ENSI selbst die Note 4,4 auf der Skala von 1 (kein Vertrauen) bsi 7 (sehr grosses Vertrauen). [9]
  4. Die Emissionen von Kohlendioxid werden steigen
    Die Stromproduktion der Schweiz in Höhe von 66,5 Milliarden Kilowattstunden erfolgt zu rund 55 % in Wasserkraftwerken, zu 40 % in Kernkraftwerken und nur zu rund 5 % in fossilen Kraftwerken und den „neuen erneuerbaren Energien“, wie sie vom Bundesamt für Energie genannt werden. Entfällt zukünftig die Stromerzeugung in Kernkraftwerken, wird diese Versorgungslücke durch Stromsparen verkleinert und durch andere Arten der Energieerzeugung gefüllt werden müssen, die, wegen der begrenzten Chancen der „neuen erneuerbaren Energien“ weit mehr CO2 bei der Stromerzeugung freisetzen.
  5. Keine verstärkte Nutzung der Windkraft
    Der Ersatz der Kernenergie wird aufgrund der Gegnerschaft weiter Bevölkerungsteile gegen die Windkraft wohl kaum durch Windparks erfolgen. Im Sommer 2011 sind in der gesamten Schweiz rund 25 Windkraftwerke in Betrieb. Die meisten davon stehen in einem Windpark im Schweizer Jura. Eine Karte der schweizer Windkraftanlagen findet sich unter www.wind-data.ch.
  6. Ausweitung der Stromerzeugung durch Fotovoltaik-Anlagen?
    Aufgrund der rigorosen Anmeldeprozeduren und der strikten Deckelung der kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) sind Fotovoltaik-Anlagen nicht weit verbreitet. Zudem denken die Schweizer nicht nur bei der Stromerzeugung sehr kostenorientiert und eine euphorische Grundhaltung zum Solarstrom ist erheblich geringer ausgeprägt als in Deutschland. Im Winterhalbjahr liegt auf den Dachflächen in der Schweizer Häuser der Schnee. Würde man dort – evtl. sogar beheizte – Fotovoltaik-Anlagen installieren, würde die isolierende Wirkung des Schnees nicht mehr genutzt.
    Der Schweizer Verband Swisscleantech, in dem Anbieter erneuerbarer Energien und Umweltberater organisiert sind, schlägt die Erhöhung des Anteils der Fotovoltaik von derzeit 0 auf 20 % im Jahr 2050 vor. Er betont aber, man wolle mit der Energiestrategie keine Ausweitung der Subventionen (KEV), sondern marktwirtschaftliche Lösungen, aber allem voran die Halbierung des Schweizer Stromverbrauchs. [2]
    Dieser steigt aber derzeit erheblich an: Aufgrund kälterer Witterung, des Wirtschaftswachstums und des Bevölkerungswachstums der Schweiz stieg der Gesamtenergieverbrauch um 4,4 % und der Stromverbrauch 4 % gegenüber dem Vorjahr an. [6]
  7. Potenzial des Ausbaus der Wasserkraft in der Schweiz
    Das Schweizer Bundesamt für Energie (BfE) stellte Anfang Juni 2012 die Studie „Wasserkraftpotenzial der Schweiz – Abschätzung des Ausbaupotenzials der Wasserkraftnutzung im Rahmen der Energiestrategie 2050“ vor. Rund 54 % des Stroms wird in der Schweiz durch Wasserkraftwerke erzeugt. Damit ist Wasserkraft die wichtigste erneuerbare Energiequelle der Schweiz. 2011 produzierten die Schweizer Wasserkraftwerke 33,8 TWh. Das Ausbaupotenzial bis 2050 beträgt lediglich 1,5 TWh pro Jahr (also rd. 4,5 %) unter den heutigen Nutzungsbedingungen, unter „optimierten Nutzungsbedingungen ist ein nachhaltiger und umweltverträglicher Ausbau der Wasserkraftnutzung um 3,2 TWh pro Jahr möglich„ so das BfE. Den Ausbau auf 3,2 TWh bedeutet lediglich ein Ausbau um rd. 9,5 %. [7] Beim Ausbau der Wasserkraft gibt es aber grosse Unsicherheiten. So hängt er nach Aussage des BfE auch von der Entwicklung des Strompreises ab. [8] Die Wasserkraft wird also nicht die Stromerzeugung der Schweizer Kernkraftwerke übernehmen können. Die Frage, wie der Schweizer Strombedarf nach dem Abschalten der Kernkraftwerke gedeckt werden soll, wird damit immer prekärer.
  8. Stärkere Kostenschwankungen der Strompreise
    In Deutschland machte man bisher erste Erfahrungen mit Kostenschwankungen von Strompreisen. Während eines Sturms über Norddeutschland wurden die Strompreise negativ. Anderseits können besonders in Nächten mit Flaute hohe Strompreise die Folge der Windkraftnutzung sein. Zu Beginn des Moratoriums vor drei Monaten stiegen die Großhandelspreise an der internat. Strombörse um rd. 10 %. [3] Auch in der Schweiz befürchtet man nun, dass sich derartige Schwankungen unter dem Strich zu einer erheblichen Verteuerung des Endpreises addieren können.

In einer Pressekonferenz Mitte Mai ’11 des Energieforums Schweiz, in dem die Strom-, Erdöl- und Gasbranche organisiert ist, brachte der Hauptverband der Energiewirtschaft sein Hauptanliegen – verlässliche Rahmenbedingungen – vor. Ihr Auftrag sei, die Versorgungssicherheit sicher zu stellen und zu „verkraftbaren Kosten“ zu gewährleisten. In der Konferenz wurden die Wege zu einer Energieversorgung der Zukunft vorgestellt. In einer öffentlichen Diskussion müsse die Schweiz entscheiden, welches der „drei Übel“ stärker zu gewichten sei:

  • Restrisiko durch Kernkraftwerke
  • Abkehr von der CO2 freien Stromversorgung
  • volkswirtschaftliche Nachteile

Ein Ausstieg aus der Kernenergie, würde das Restrisiko mindern aber den CO2-Ausstoß erhöhen. Der Ersatz der Kernenergie durch Wasserkraft sei weder schnell, noch ohne weitere Zerstörung hochalpiner Täler möglich. Angesichts der Diskussionen um die Erhöhung der Staumauer des Grimsel-Pumpspeicherkraftwerks scheint jedoch der Ausbau der „großen Wasserkraft“ in der basisdemokratischen Schweiz derzeit wenig Erfolg versprechend. Gegen die „kleine Wasserkraft“ in Bach- und kleineren Flussläufen gibt es Widerstände aus den Reihen der Umweltschützer.

Die eventuelle Nutzung von Kraftwerken auf Basis von Erdgas (oder Kraft-Wärme-Kopplung) würde einerseits der CO2 Ausstoß erhöhen, andererseits finanzielle Mittel durch den Rohstoffeinkauf ins Ausland abfließen lassen, was einen volkswirtschaftlichen Nachteil mit sich brächte. Nach derzeitiger Beschlusslage des Schweizer Parlaments sind hierbei eventuelle CO2 Kompensationsmaßnahmen im Inland zu tätigen, auch wenn diese im Ausland zu erheblich günstigeren Kosten möglich wären. Die nun erheblich größere Stromlücke wünscht die Industrie durch den Neubau von Gaskraftwerken und CO2 Kompensation im Ausland zu schließen. Die Versorgung mit Erdgas sei – so Jean-Marc Hentsch vom Verband der Schweizerischen Gasindustrie – zu decken und auch die Kapazität der Pipelines sei ausreichend. [4]

Der Bundesrat hingegen hält die „Option Gas“ nicht für „prioritär“. [5]

So scheinen weitere Diskussionen vorprogrammiert. Der fehlende Konsens über die Energiepolitik nach dem Atomausstieg könnte in den nächsten Jahren auch zu dessen Revision führen. Die Energie-Fakten.de werden weiter berichten.

Die Energie-Fakten bereiten derzeit einen Grundlagenartikel „Schweizer Stromversorgung“ vor, in dem weitere Fragen – auch zur „Schweizer Stromlücke“ – geklärt werden, vor.

Siehe auch

Quellen

  1. Neue Zürcher Zeitung, internat. Ausgabe, 7. Juni ,11; Seite 21;
    „Mehrheit für Atomausstieg“
  2. Neue Zürcher Zeitung, internat. Ausgabe, 8. Juni 2011; Seite 9;
    „20 Prozent Solarenergie bis 2050 in der Schweiz“
  3. Visavis.de: Atomausstieg kostet Milliarden
  4. Zur Medienkonferenz des Verbands: Neue Zürcher Zeitung, internat. Ausgabe, 12. Mai ’11; Energiebranche fordert Geduld
  5. Neue Zürcher Zeitung, internat. Ausgabe, 27. Mai 11; Seite 17,
    „Der Startschuss zum energiepolitischen Seiltanz“ , in Meinung & Debatte von Davide Scruzzi
  6. Neue Zürcher Zeitung, internat. Ausgabe, 30. Juni 2011; Seite 22, Der Energieverbrauch steigt wie in alten Zeiten – Nach der Zunahme des verbrauchs um 4,4 % fordert die Schweizerische Energiestiftung bei den Preisen
  7. Bundesamt für Energie: Studie zum Ausbau der Wasserkraft in der Schweiz
  8. Neue Zürcher Zeitung, Online-Ausgabe, 4. Juni 2012; Mehr Saft aus der Wasserkraft – Studie des Bundes beziffert Steigerungspotenzial
  9. 19 Prozent der Bevölkerung beurteilen die Schweizer Kernkraftwerke als „nicht sicher“ (Link zu ensi.ch)
    Zusammenfassung der repräsentativen Umfrage des Instituts für Publizistikwissenschaften und Medienwissenschaften der Universität Zürich (IPMZ) im Auftrag der ENSI.

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