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Veröffentlicht: 16. Juli 2013

Endlagerung kontra Rückholbarkeit radioaktiver Abfälle?

Von Klaus Tägder
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Klaus.Taegder@energie-fakten.de)Taegder

Die Endlagerung radioaktiver Abfälle bedeutet, die Abfälle so zu verpacken1 und end zu lagern, dass sie dem Menschen und der Umwelt auch nach tausenden von Jahren nicht gefährlich werden können. International unterscheiden sich die Endlagerkonzepte. In Frankreich beispielsweise werden schwach- und mittelradioaktive Abfälle oberirdisch in Betonwannen endgelagert und nach Befüllung mit wasserundurchlässigem Material abgedeckt. In Deutschland dagegen müssen alle Arten radioaktiver Abfälle in tiefen geologischen Gesteinen endgelagert werden. Schutzziel ist – im Fachjargon – der dauerhafte und extrem langfristige Einschluss der Abfälle in tiefem Gestein und somit das Fernhalten der Abfälle von der Biosphäre.

Um auch größtmögliche Sicherheit über und unter Tage während des Einlagerungsbetriebes zu gewährleisten, werden die Einlagerungsstrecken nach Einlagerung von Abfällen abschnittsweise verfüllt. Für das in Errichtung befindliche Endlager Schacht Konrad sieht das zuständige Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) vor, dass jeder Abschnitt mit einer Betonwand abgeschlossen und dann mit Beton verfüllt wird. Der radioaktive Abfall ist dann nicht mehr rückholbar, aber gegen Freisetzung gesichert. Sind alle Abschnitte einer Strecke gefüllt, wird sie komplett verschlossen [1]. Die Rückführbarkeit der Abfälle während und nach der Betriebsphase ist nicht Bestandteil des Endlagerkonzeptes Konrad, das von bis zu 80 Jahren Betrieb ausgeht.

Als Gründe für die Rückführbarkeit der Abfälle kommen die Möglichkeit einer späteren Verwertung der Abfälle und eine nachträgliche Verbesserung des sicheren Einschlusses der Abfälle in Betracht. Die für Konrad vorgesehenen Abfälle weisen aus heutiger Sicht kein Verwertungspotential auf. Zudem ist das Gros der Abfälle einbetoniert, was einer Wiedergewinnung der Abfälle erheblich erschweren würde. Das Mehrbarrierenkonzept des Abfalleinschlusses und die geradezu idealen Endlagervoraussetzungen von Konrad lassen die Notwendigkeit einer weiteren Verbesserung des Isolationsverhältnisses für nicht notwendig erscheinen.

Trotz auch internationaler Diskussion über das Für und Wider der Rückholbarkeit gibt es bemerkenswerter Weise keine internationale Empfehlungen oder Regelungen über die Rückholbarkeit als Teil von Endlagerkonzepten [2]. Dessen ungeachtet darf eine im Endlagerkonzept gegebenenfalls vorgesehene Rückholbarkeit nicht zu einer Beeinträchtigung der Sicherheit des Endlagers und des sicheren Einschlusses der Abfälle während der Betriebsphase und nach Beendigung des Endlagerbetriebes führen.

Die Rückholbarkeit gehörte zu den konzeptionellen und sicherheitstechnischen Fragen der Endlagerung von Wärme entwickelnden radioaktiven Abfällen, die das BfS von nationalen und internationalen Experten klären ließ. Im Synthesebericht [2] wird unmissverständlich festgestellt: „Für alle Endlagerkonzepte gilt, dass sich mit Fortschreiten der Einlagerung von Abfallgebinden, der Verfüllung und des Verschlusses die Zugänglichkeit der Abfallgebinde verschlechtert. Deshalb wird in einer Reihe von (Anm.: internationalen) Endlagerkonzepten eine zeitliche Verzögerung der Verfüllung und des Verschlusses des Endlagers bzw. von Teilen des Endlagers in einzelnen Etappen des Endlagerprozesses vorgesehen bzw. erwogen, um in diesen Etappen eine Rückholung zu erleichtern. Nach Verschluss eines Endlagers ist eine Rückholung zwar technisch möglich, erfordert jedoch einen erheblichen Aufwand, da das Endlager neu aufgefahren werden muss, bzw. ein neues «Rückholbergwerk» zu errichten ist.“ Die Kosten der Rückholung werden in jedem Fall erheblich sein, und dem Menschen wie der Umwelt werden zusätzliche Strahlenbelastungen zugemutet.

Verzögerungen der Verfüllung und des Verschlusses für einen Zeitraum von einigen Jahrzehnten würden zwar keine wesentlichen Fragen der Betriebs- und Langzeitsicherheit aufwerfen [2], gleichwohl muss mit Risiken gerechnet werden, die bei sofortiger Verfüllung und Verschluss vermeidbar wären. Genannt werden unter anderem [2]:

  • Es besteht erhöhte Korrosionsgefahr für Endlagerbehälter und metallischen Konstruktionselementen der Endlagerräume durch Zutritt von Sauerstoff und Feuchtigkeit.
  • Es kann zu einer Beeinflussung der chemischen und physikalischen Stabilität von Verfüllungen und Verschlüssen bei Kontakt mit der Grubenluft durch Offenhalten einzelner Grubenabschnitte kommen.
  • In Abhängigkeit von der Dauer der Offenhaltungsphase vergrößert sich das Risiko unsachgemäßer Instandhaltung, wodurch das Risiko einer Instabilität der offenen Grubenräume erhöht wird.
  • Das Risiko von Störfällen, wie Feuer, Eindringen von Grundwasser wird erhöht.
  • Das Risiko von unbefugtem Eindringen in das Endlager und Missbrauch wird erhöht.

Überdies verursacht ein verlängertes Offenhalten von Anlageteilen oder des Endlagers insgesamt erhebliche zusätzliche Kosten.

Unter dem Strich stellt sich die Frage, ob die Rückholbarkeit mit der Forderung nach größtmöglicher Sicherheit hinsichtlich des dauerhaft sicheren Einschlusses der Abfälle vereinbar ist.

Überdies ist eine Lagerung von radioaktiven Abfällen, die explizit eine Rückholung vorsieht, keine wirkliche Endlagerung, sondern eine Zwischenlagerung und damit genau das, was von Befürwortern der Rückholbarkeit bekämpft wird.

Fussnote

  1. Je nach Art der Abfälle erfolgt ihre Verpackung in 200 l-Fässer, in Stahlcontainern, in dickwandigen Gussbehältern oder in Betoncontainern. Das Abfallkonzept für Konrad sieht vor, 200 l-Abfallfässer in großen Containern zu verpacken und die Hohlräume mit Beton zu verfüllen.

Quellen

  1. http://www.bfs.de/de/endlager/endlagerung_ueberblick/endlagerprojekte_textfassung
  2. Bundesamt für Strahlenschutz, Synthesebericht vom 04.11.2005 „Konzeptionelle und sicherheitstechnische Fragen der Endlagerung radioaktiver Abfälle – Wirtsgesteine im Vergleich“ http://www.bfs.de/de/bfs

Siehe auch:

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