Energie-Fakten -> Herausgegriffen -> Wie wird Japans Atomausstieg gestaltet?
Veröffentlicht: 18. Sept. 2012, aktualisiert: mehrmals, zuletzt 30. Apr. '14

Wie ist der Weg Japans vom Atomausstieg zum „Ausstieg aus dem Austieg“?

Ausstieg im Schatten von Fukushima – Analyse der Möglichkeiten im Angesicht von Strommangel und negativer Aussenwirtschaftsbilanz

Von Klaus Theißing
(
Klaus.Theissing@energie-fakten.de)

Antwort

Theißing
Klaus Theißing

Noch im Mai 2012 titelte die Neue Zürcher Zeitung „Atomausstieg in Japan unwahrscheinlich“, am 14. Sept. ’12 nachmittags erreichte uns die Nachricht, dass Japan nun aus der Kernenergie aussteigen will. Nach den Reaktorunfällen von Fukushima wurden alle Atomkraftwerke abgeschaltet und einer Sicherheitsinspektion unterzogen, die bei den meisten Reaktoren bis zum heutigen Teil andauert. [1]

Die Lücke in der Stromerzeugung, die die Abschaltung der 54 Atomkraftwerke riss, wurde durch Ausnutzung der Öl- und Gaskraftwerke sowie drastisches Stromsparen geschlossen. [Siehe auch: 1] Zwischenzeitlich sind allein die beiden Reaktorblöcke 3 und 4 in Ohi am Juli ‘12 wieder ans Netz gegangen.

Noch Ende August 2011 drückte der damalige japanische Regierungschef Kan ein Gesetz zur Förderung erneuerbarer Energien im japanischen Parlament durch. Es war der Beginn der Energiewende Japans. Am 14. September 2012 gab die japanische Regierung bekannt, bis zum Jahr 2040 (im Artikel wird "das Ende der 2030er Jahre" benannt) aus der Kernenergie auszusteigen. Ministerpräsident Yoshihiko Noda wendet sich damit vom 2010 verkündeten Ziel ab, den Anteil der Stromerzeugung aus Kernenergie auf 50 % zu steigern. Die Regierung höre mit dem Ausstieg auf den durch Umfragen ermittelten Wunsch der Bürger, die nach dem Unfall von Fukushima den Ausstieg nun wolle. Um die Auswirkungen auf die Stromerzeugung abzufedern, sollen zunächst jedoch diejenigen Atomkraftwerke wieder in Betrieb gehen, die von der Atomaufsichtsbehörde als sicher angesehen werden. Die Laufzeit wurde auf 40 Jahre begrenzt, neue Reaktoren werden nicht errichtet. [2] Das jüngste Kraftwerk wurde 2009 in Betrieb genommen, würde damit sein Laufzeitende im Jahr 2049 erreichen. [3]

Kabinett rudert zurück

Aktualisierung vom 02. Okt '12

Das japanische Kabinett hat die Vorschläge des Premiers mit Änderungen übernommen. Insbesondere der Atomausstieg wurde gestrichen. Über ihn wird zu späterem Zeitpunkt entschienden. [4] Gleichwohl widersprechen sich die Aussagen: Das Kabinett soll in einer späteren Sitzung über die Energiewende befinden. [5]

Energiepolitik der neuen Japanischen Regierung

Aktualisierung vom 07. Jan '13

Die Pläne zum Ausstieg aus der Kernenergie der Vorgängerregierung werden vom neuen Kabinett des japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe in Frage gestellt. Schon im Wahlkampf hatte sich Abe für die Atomkraft ausgesprochen, da das Land aus wirtschaftlichen Gründen nicht auf die AKWs verzichten könne.
Nach einer Verlautbarung des neuen Industrieministers Toshimitsu Motegi von den Liberaldemokraten (LDP) sollen als sicher geltende Reaktoren wieder in Betrieb genommen werden, der Neubau neuerer, allerdings sicherer Reaktoren sei nicht auszuschliessen. [6, 7] Zwischenzeitlich bestätigte Abe: «Jedes neue Kernkraftwerk ist völlig anders als Fukushima-Daiichi, das vor mehr als 40 Jahren gebaut wurde. Wir werden neue Kernkraftwerke bauen und versuchen, dafür das Verständnis der Menschen zu gewinnen.» [8]

Lokale Widerstände

Aktualisierung vom 11. Juli '13

Allerdings stösst die Regierung Abe mit der Idee, stillgelegte Anlagen wieder ans Netz zu nehmen auf lokale Widerstände. Am 1. Juli '13 traten neue, schärfere Sicherheitsstandards in Kraft, vier große Energieversorgungsunternehmen hatten umgehend den Antrag gestellt, die Anlagen wieder anfahren zu dürfen. Die Atomaufsichtsbehörde wird die Sicherheit der Anlagen nun überprüfen, was nach deren Auskunft mindestens sechs Monate dauern soll. Es sind weiterhin 48 der 50 Anlagen abgeschaltet. Das Anfahren ist – nach der Sicherheitsinspektion – aber auch von der Zustimmung der lokalen Politik abhängig. [9]

Energieversorger reichen Anträge für Wiederinbetriebnahme von zwölf Kernkraftwerken ein

Aktualisierung vom 24. Juli '13

Vier japanische Stromversorgungsunternehmen haben bei der japanischen Nuclear Regulation Authority (NRA) Anträge zur Betriebsfreigabe für insgesamt zwölf Kernkraftwerkseinheiten eingereicht. Nach dem Reaktorunfall von Fukushima sind alle Anlagen abgeschaltet worden.[10]

Antragsteller

Kernkraftwerke
Kansai Electric Power Co. Takahama-3 und -4
Ohi-3 und -4
(für den Betrieb nach September 2013)*
Hokkaido Electric Power Co. Tomari-1, -2 , -3
Shikoku Electric Power Co. Ikata-3
Kyushu Electric Power Co. Sendai-1 und -2
Genkai-3 und -4

* „Die Anlagen Ohi-3 und -4 durften nach umfangreichen Sicherheitsüberprüfungen bisher wieder ans Netz gehen. Gemäss einer zusätzlichen sicherheitstechnischen Bewertung hatte die NRA am 24. Juni 2013 den Weiterbetrieb dieser beiden Einheiten bis September 2013 genehmigt.“ [10]

Liberalisierung des Strommarkts

In der Sitzung vom 13. Nov. '13 verabschiedete das Japanische Parlament ein Gesetz, durch das der Strommarkt liberalisiert werden soll. Statt zehn Monopolen soll der Strommarkt bis zum Jahr 2020 geöffnet werden. Dazu soll schon 2015 eine unabhängige Koordinierungsstelle geschaffen und ab 2016 der Handel geöffnet werden. [11]

Eine Energiewende nach deutschem Vorbild wird jedoch nicht erwartet: auch weiterhin sollen Kernenergie, Fossile Energien und auch zunehmend erneuerbaren Energien genutzt werden. [11]

Negative Auswirkungen auf den Klimaschutz

Während der Klimaschutzkonferenz von Warschau erklärte die japansiche Regierung, zukünftig verstärkt auf fossile Energien setzen zu müssen. Es würde nun eine Reduzierung des CO2-Ausstosses bis zum Jahr 2020 von 3,8 % gegenüber dem Jahr 2005 angestrebt. Frühere Erklärungen strebten eine Senkung von 25 % bis 2020 gegenüber 1990 an. Aufgrund des unterschiedlichen CO2-Ausstosses zwischen den beiden Basisjahren 1990 und und 2005 wird der Ausstoss bis 2020 sogar um 3 % steigen.

Japan wird somit kein Vorreiter in Sachen Klimaschutz sein, sondern durch die Stillegung seiner AKW nun zum „Klimasünder“. [12]

Langfristiger Energieplan: Festhalten an der Atomenergie

Industrieminister Toshimitsu Motegi erklärte am 6. Dez. '13, dass die Ausarbeitung eines langfristigen Energieplans auf die Erkenntnis zulaufe, an der Atomenergie festzuhalten. Der Entschluss des Kabinetts sei im Januar zu erwarten. Der von der Vorgängerregierung anvisierte Atomausstieg sei als hinfällig anzusehen. [13] Die Aussenhandelsbilanz ist durch die Energieimporte seit einigen Quartalen negativ. Sie schloss im Oktober mit einem Minus von 1090 Mrd. Yen. [14]

„Die strategische Regierungskommission Japans hat am 13. Dezember 2013 ein neues Energiekonzept – den Basic Energy Plan – veröffentlicht. Die Kommission empfiehlt darin den weiteren Einsatz der Kernenergie in Japan." [aus: 15, Jan. '14]

Japan: weitere Anträge für KKW-Wiederinbetriebnahme eingereicht

Seit September 2013 wurden bei der NRA folgende Anträge eingereicht [15]:

Antragsteller

Kernkraftwerke
Tokyo Electric Power Co. (Tepco) Kashiwazaki-Kariwa-6 und -7
Chugoku Electric Power Co. Shimane-2
Tohoku Electric Power Onagawa-2. und -4

Japan beschliesst Ausstieg aus dem Ausstieg

„Das japanische Kabinett hat am 11. April 2014 das neue Energiekonzept – den Basic Energy Plan – gutgeheissen. Das Konzept bekennt sich klar zur Nutzung der Kernenergie. Premierminister Shinzo Abe nimmt damit den von seinem Vorgänger beschlossenen Kernenergieausstieg zurück.“ [16]

 


Siehe auch

Quellen

  1. Japan wird vorübergehend atomstromfrei, Neue Zürcher Zeitung vom 4. Mai 2012
  2. Nodas Kehrtwende, Neue Zürcher Zeitung, internat. Ausgabe, 15. Sept. 2012
  3. Japans Regierung sagt schrittweisen Kernenergieausstieg an
    (Link zum Nuklearforum Schweiz)
  4. Japanisches Kabinett relativiert den Kernenergieausstieg
    (Link zum Nuklearforum Schweiz)
  5. Mitteilung des Japan Atomic Industrial Forum (Jaif) (nach 4)
  6. Japan vor Kehrtwende in der Atompolitik (Deutsche Welle)
  7. Japans neue Regierung vor Kehrtwende in der Atompolitik (Stern)
  8. Japanischer Regierungschef für neue Kernkraftwerke
    (Link zum Schweizer Nuklearforum, 7. Jan. '13)
  9. Ringen um Atomstrom in Japan (Link zu NZZ.ch)
  10. Japan: Anträge für KKW-Wiederinbetriebnahme eingereicht (Link zu nuklearforum.ch)
  11. Japan liberalisiert den Strommarkt; Neue Zürcher Zeitung, internat. Ausgabe, 15. Nov. 2013
  12. Japan wird zum Klimasünder; Neue Zürcher Zeitung, internat. Ausgabe, 18. Nov. 2013
  13. Japan hält an Atomenergie fest; Westfälische Nachrichten vom 7. Dez. 2013
  14. Schatten über «Abenomics»; Neue Zürcher Zeitung vom 11. Dez. '13
  15. Japan steht weiter zur Kernenergie, Bulletin des Nuklearforums vom 10. Januar '14 (Link zu Nuklearforum.ch)
  16. Japan beschliesst Ausstieg aus dem Ausstieg, Bulletin des Nuklearforums vom 30. Apr. '14 (Link zu Nuklearforum.ch)