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 Veröffentlicht: 19. Juli 2001, Aktualisiert: Februar 2010

Lässt sich die Nutzung der Kernenergie ethisch begründen?

Von Herman HenssenDr. Henssen

Kurzfassung

Wer seine Position für oder gegen die weitere Nutzung der Kernenergie ethisch begründen will, muss die Folgen beider Wege gegeneinander abwägen. Dabei sind auf beiden Seiten neben den beabsichtigten auch die möglicherweise eintretenden Folgen einzubeziehen. Entscheidend für die Folgenabwägung ist die Frage, ob die auf der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro (UNCED) von fast allen Ländern der Welt geforderte „nachhaltige Entwicklung” der Menschheit (englisch: sustainable development) auch ohne Kernenergie realisiert werden kann. Nachhaltige Entwicklung vereint die Ziele der wirtschaftlichen Entwicklung, des sozialen Ausgleiches – mit dem Schwerpunkt der Armutsbekämpfung – und der Umweltverträglichkeit, die nicht je einzeln sondern nur gemeinsam und in globaler Anstrengung erreicht werden können.

Für dieses Ziel muss ausreichend erschwingliche und zugleich umweltvertägliche Energie zur Verfügung stehen. Der Verbrauch an fossilen Energien – Kohle, Öl und Erdgas – ist aus verschiedenen Gründen in Zukunft begrenzt. Ein steigender Anteil des Weltbedarfs an Energie wird aus anderen Quellen kommen müssen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass erneuerbare Energien – Wind, Sonne, Wasser, Biomasse – dafür ausreichen, selbst wenn sehr große Anstrengungen zur Einsparung von Energie gemacht werden. Eine Kombination aus allen Energiequellen einschließlich der Kernenergie ist dagegen wohl in der Lage, die Anforderungen einer nachhaltigen Entwicklung zu erfüllen.

Die Notwendigkeit der Kernenergie beruht auf Einschätzungen, die zwar gut begründet sind, aber letztlich nicht bewiesen werden können. Es kann nicht völlig ausgeschlossen werden, dass eine menschengerechte und zukunftsfähige Weltentwicklung – zumindest auf lange Sicht – auch ohne Kernenergie möglich ist. Andererseits kann jedoch aufgrund bisheriger Erfahrung heute niemand eine hinreichende Sicherheit dafür bieten, dass dies gelingt.

Wer jetzt auf die Kernenergie verzichten will, muss auf diese Unsicherheiten eine Antwort haben. Man darf das Einrechnen von Risiken nicht nur einseitig bei der Kerntechnik fordern. Immerhin sind die möglichen Schadensfolgen eines für die nachhaltige Entwicklung entweder nicht ausreichenden, zu teuren oder nicht klimaverträglichen Energiesystems sehr groß. Wenn die Massenarmut in vielen Regionen der Erde nicht beseitigt wird und möglicherweise noch wächst, sind die Schäden im Umfang erheblich größer und auch wahrscheinlicher als bei den befürchteten Risiken einer weiteren Nutzung der Kernenergie. Dabei muss man beachten: Die ausreichende Versorgung der Menschheit mit Energie kann nicht allein schon diese Schäden verhindern. Dazu müssen noch viele andere Probleme gelöst werden. Die ausreichende Energieversorgung ist aber eine notwendige Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung, und die Lösung der anderen Probleme wird um so eher gelingen, je weniger Mittel, Kräfte und Ressourcen in der Energieversorgung gebunden sind.

Das Abwägen aller möglichen Folgen der heute möglichen Handlungsalternativen in der Energieversorgung ergibt:

Wir sollten die Option auf eine längerfristige Nutzung der Kernenergie auf sehr hohem Sicherheitsniveau offen halten, zumindest solange, bis man mit hinreichender, auf Erfahrung gründender Sicherheit weiß, dass das Ziel einer menschengerechten und zukunftsfähigen Weltentwicklung auch ohne sie erreichbar ist. Und wir sollten gleichzeitig jetzt effizient und zielstrebig die erschließbaren Potenziale des Energiesparens und der erneuerbaren Energien ausschöpfen und damit deren langfristige Tragfähigkeit erproben.

Weitere Informationen können Sie der Langfassung (pdf, 35 kB) entnehmen.

Hier können Sie Kurz- und Langfassung gemeinsam als PDF downloaden (pdf, rd. 35 kB). Dieser Beitrag wurde am 19. Juni 2001 veröffentlicht und im Februar 2010 aktualisiert.

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