Energie-Fakten -> Herausgegriffen -> Können die „großen Vier“ Energieversorger Windkraftanlagen abschalten, damit Sie mehr Kohle- und Atomstrom verkaufen können?
Veröffentlicht: 17. April 2012; Aktualiisert: 18. April '12

Können die „großen Vier“ Energieversorger Windkraftanlagen abschalten, damit Sie mehr Kohle- und Atomstrom verkaufen können?

Von Harald Müller
(
Harald.Mueller@energie-fakten.de)

Antwort

Harald Müller
Harald Müller

In den Stromnetzen hat Ökostrom eine gesetzliche Vorrangstellung, so dass bei möglichen Netzengpässen zuerst Atom-, Kohle- und Gaskraftwerke vom Netz genommen werden müssen. Das Einhalten dieses Gesetzes wird von der Bundesnetzagentur überwacht.

In 2010 wurden etwas mehr als 80 Milliarden kWh Strom aus erneuerbaren Energien in das deutsche Stromnetz eingespeist. Es ist daher vollkommen abwegig den „großen Vier“ Energieversorgern vorzuwerfen, sie würden die Erzeugung von Ökostrom blockieren.

Allerdings sind in 2010 aufgrund lokaler Netzengpässe (siehe auch Netzproblem Nummer 1) und der damit verbundenen Anlagenabschaltung von Windkraftanlagen ca. 150 Mio. kWh Strom verloren gegangen, d. h. diese Strommenge konnte nicht erzeugt und nicht eingespeist werden. Das entspricht knapp dem Strombedarf von 43.000 Haushalten mit einem Verbrauch von 3.500 kWh/a.

Die Betreiber der Anlagen haben hieraus jedoch keine wirtschaftlichen Nachteile, da sie eine Entschädigung für nicht erzeugten Strom erhalten. Gemäß § 12 Erneuerbare Energien Gesetz (EEG, Härtefallregelung) sind die betroffenen Betreiber für 95 % der entgangenen Einnahmen zu entschädigen, wenn die Einspeisung von EEG-Strom wegen Netzengpässen reduziert wird.

Im Gegensatz dazu bekommen die Betreiber konventioneller Atom- und Kohlekraftwerke keine Entschädigung, falls Sie ihre Kraftwerke aufgrund der gesetzlichen Vorrangstellung für Ökostrom kurzfristig vom Netz nehmen müssen.

Es ist damit zu rechnen, dass zukünftig auch vermehrt Photovoltaik-Anlagen aufgrund von Netzengpässen abgeregelt werden müssen und die Entschädigungszahlungen für nicht erzeugten regenerativen Strom weiter steigen werden.
Insgesamt ist es weltweit einzigartig, dass gemäß der Härtefallregelung die Nichtproduktion eines Wirtschaftsgutes mit einer Bezahlung belohnt wird, das gab es nicht einmal während der Ära des „real existierenden Sozialismus“.

Das Abschalten kann für den Stromverbraucher auch vorteilhaft sein: Oft wird Strom aus Wind und Sonne zur falschen Zeit am falschen Ort produziert – Angebot und Nachfrage passen einfach nicht zusammen, so dass der erzeugte Ökostrom nicht gebraucht wird. Mangels Stromspeicher werden diese überschüssigen Mengen dann zur Not auch an Abnehmer ins Ausland verschenkt, im Extremfall kommt es sogar zu „negativen Preisen“ von bis zu 50 Ct/kWh. Im Klartext: Wer den hoch subventionierten Ökostrom, der nicht benötigt wird, vom Markt nimmt, bekommt noch „einen Haufen Geld“ dazu!

Aufgrund des massiven Ausbaus der Erneuerbaren Energien gibt es ein Wachstum bei diesen nicht benötigten Überschussmengen. Allein am Spotmarkt der Strombörse in Leipzig wurden in 2011 knapp 500 Mio. kWh Strom verschenkt, das entspricht dem Jahresverbrauch von 143.000 Haushaltskunden. Die Subventionskosten für diese 500 Mio. kWh Strom betrugen brutto mehr als 53 Mio. Euro inkl. Umsatzsteuer. Im ersten Quartal 2012 wehte zusätzlich noch überdurchschnittlich viel Wind. Das führte dazu, dass in diesem Zeitraum bereits knapp 900 Mio. kWh Strom verschenkt wurden (Jahresverbrauch von 260.000 Haushaltskunden, ca. 96 Mio. Euro Subventionskosten).

Hintergrundinformation zur Abschaltung von regenerativen Stromerzeugungsanlagen

Mit der kräftig wachsenden Installation von Windrädern und Photovoltaikanlagen gibt es in Deutschland zwei große Netzprobleme:

Netzproblem Nummer 1

Aus der Historie ist das regionale Verteilnetz technisch für die Versorgung der Stromverbraucher ausgelegt. Es derzeit technisch nicht geeignet für die stark schwankende Stromaufnahme von vielen dezentralen Windparks und Photovoltaikanlagen und die Weiterleitung des EEG-Stroms an das Höchstspannungsnetz.

Netzproblem Nummer 2

Der größere Teil der Windstromanlagen liegt in Norddeutschland, wo man diesen Strom nicht brauchen kann, da die großen Verbrauchszentren im Süden Deutschlands liegen. Für den Transport in den Süden fehlen ausreichend dimensionierte Nord-Süd-Höchst-spannungsleitungen, die so genannten „Stromautobahnen“.

Der Bundesverband WindEnergie e. V. hat 2011 in einem Sondergutachten analysiert, „dass in einigen Regionen in Nord- und Ostdeutschland bereits seit 2004 so viel Leistung aus EEG-Anlagen an die Netze angeschlossen wurde, dass der EEG-Strom nicht mehr zu jeder Zeit vollständig abgenommen und übertragen werden kann. Das führt dazu, (…) dass Windenergieanlagen durch Einspeisemanagement (EinsMan) abgeregelt, d. h. zeitweise abgeschaltet werden. Ursachen für EinsMan waren im Jahr 2010 überwiegend Überlastungen im 110 kV Hochspannungsnetz und an Hochspannungs-/ Mittelspannungs-Umspannwerken (…).

Neu hinzugekommen sind im Jahr 2010 Netzengpässe auf der 220 kV und 380 kV Netzebene des Übertragungsnetzes, die mit regionalen Abregelungen von Windenergieanlagen einhergehen.“

Bzgl. der Übertragungsnetze ist noch zu ergänzen, dass die „großen Vier“ mit Ausnahme der EnBW ihre Übertragungsnetze an Investoren verkauft haben und somit keinen Einfluss auf die Betriebsführung der Übertragungsnetze haben.

Die neuen Eigentümer der Übertragungsnetze

Amprion entstand 2003 unter der Firma RWE Transportnetz Strom GmbH als Tochtergesellschaft der RWE AG. Haupteigentümer der Amprion ist ein Konsortium von Finanzinvestoren unter der Führung von Commerz Real, einer Tochter der Commerzbank. Hauptbeteiligte sind weiterhin die MEAG (Munich Re und ERGO), Swiss Life, Talanx und ärztliche Versorgungswerke aus Westfalen-Lippe und Brandenburg. Der ehemalige Alleineigentümer RWE hält seit September 2011 nur noch einen direkten Anteil von 25,1 %, sowie übergangsweise eine indirekte Beteiligung von etwa 10 %, die mittelfristig abgegeben werden soll (Stand September 2011).

Der E.ON-Konzern hat sein deutsches Übertragungsnetzt in die transpower stromübertragungs gmbh ausgelagert und zum 1. Januar 2010 an den niederländischen Stromnetzbetreiber Tennet verkauft. Transpower wurde zum 5. Oktober 2010 dem Namen des Mutterkonzerns angeglichen und heißt seitdem TenneT TSO GmbH.

Die Vattenfall Europe AG hat am 19. Mai 2010 seine Übertragungsnetz-Tochtergesellschaft 50Hertz verkauft. Neue Eigentümer von 50Hertz sind der belgische Netzbetreiber Elia und der australische Infrastrukturfonds IFM.

Siehe auch

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