Energie-Fakten -> Archiv -> Beiträge eigener Autoren -> Ist das 3-Liter-Energiespar-Haus realistisch?
 Veröffentlicht: 26. März 2004; Aktualisiert: April 2010.

Ist das 3-Liter-Energiespar-Haus realistisch?

Von Martin Dehli
(
Martin.Dehli@energie-fakten.de, Lebenslauf Link zur Hochschule Esslingen)

KurzfassungDehli

Ein Qualitätsmerkmal von Autos ist der Treibstoffverbrauch in Liter je 100 Kilometer Fahrstrecke. Ähnlich ist bei Wohngebäuden der Energiebedarf ein Kennzeichen für deren Qualität. Er kann als Primärenergiebedarf in Kilowattstunden je Quadratmeter Nutzfläche und Jahr [kWh/(m2a)] angegeben und unter Normbedingungen ermittelt werden: Dabei sind die Güte der Wärmedämmung und die Gebäudedichtheit ebenso entscheidend wie das Vermögen, mit den Fenstern Sonnenenergie einzufangen und Wärme zu speichern. Wie viel Energie in einem Wohngebäude verbraucht wird, hängt auch stark vom Verhalten der Bewohner ab. Weiterhin spielen die klimatischen Außenbedingungen eine Rolle.

In Wohngebäuden wird jedoch nicht Primärenergie im Rohzustand (z.B. Rohöl oder Braunkohle), sondern veredelte Endenergie (z.B. entschwefeltes leichtes Heizöl, gereinigtes Erdgas, Biomasse wie z. B. Holzpellets, Koks, Fernwärme, Strom) eingesetzt. Der energetische Aufwand zur Herstellung der End- energie muss eingerechnet werden, wenn man die Qualität von Gebäuden auf der Basis ihres Primärenergieverbrauchs vergleichen will. Von Bedeutung ist auch die Anlagentechnik, mit der im Gebäude aus Endenergie die benötigte Nutzenergie Wärme hergestellt wird. Anlagentechnik heißt: Kessel- oder Wärmepumpenanlage, Art der Wassererwärmung, Wärmeverteilungssystem, Regelungstechnik und Art der Belüftung.

Die Energieeinsparverordnung aus dem Jahr 2009 schreibt zur Ermittlung des Primärenergiebedarfs genaue Vorgehensweisen vor (vergleichbar mit der EU-Norm zur Ermittlung des 100-km-Verbrauchs beim PKW), um zu möglichst objektiven Aussagen zu kommen, so dass Qualitätsvergleiche möglich werden. Der Wärmebedarf von Wohngebäuden und Wohnungen wird danach unterteilt, für welche Aufgabenbereiche die Wärme benötigt wird. Man unterscheidet:

  • den Wärmebedarf für die (Trink- und Brauch-) Wassererwärmung
  • den Wärmebedarf, der die Wärmeverluste ausgleicht, die durch den Wärmeabfluss über Außenwände, Fenster, Dach und Keller auftreten (Transmissionswärmebedarf)
  • den Wärmebedarf, der die Wärmeverluste beim Luftaustausch deckt (Lüftungswärmebedarf)

Vor dem Jahr 1984 gab es in Deutschland keine Regelungen, mit denen der Wärmebedarf gezielt eingeschränkt worden wäre. Eine Ausnahme waren die für die damalige Zeit strengen Anforderungen der Stromversorger an die Wärmedämmung beim Einbau von Elektroheizungen. 1984 erließ der Gesetzgeber eine Wärmeschutzverordnung für Neubauten. Diese Verordnung wurde 1995 verschärft. Seit dem Jahr 2002 gilt die – 2009 novellierte – Energieeinsparverordnung, mit deren Hilfe der Wärmebedarf für Neubauten noch weiter verringert werden soll; darin wird zum ersten Mal nicht auf den Wärmebedarf selbst, sondern auf den dadurch ausgelösten Primärenergiebedarf abgehoben.

Für den Bestand aller Wohngebäude, die vor 1984 gebaut und nicht saniert wurden, beträgt der gesamte Wärmebedarf im Mittel etwa 225 kWh/(m2a). Der größte Teil der Wohngebäude in Deutschland gehört hierzu. Für Wohngebäude der Baujahre 1984 bis 1994 kann von einem durchschnittlichen Wert von etwa 145 kWh/(m2a) ausgegangen werden. Bei Wohngebäuden der Baujahre 1995 bis 2002 ist ein mittlerer Wert von 105 - 90 kWh/(m2a) realistisch.

Ab 2002 ist bei neuen Wohngebäuden entsprechend der Energieeinsparverordnung als Mindeststandard ein sogenannter „Niedrigenergiehaus-Standard“ einzuhalten, wobei entweder mehr Wert auf die Wärmedämmung oder auf eine besonders effiziente Anlagentechnik gelegt werden kann. Im Mittel wurde von 2002 bis 2009 dabei ein Wärmebedarfswert von rund 85 kWh/(m2a) erreicht. Seit 2009 ist bei Neubauten gegenüber 2002 eine weitere Verminderung um rund 30 % vorgeschrieben, also im Mittel knapp 60 kWh/(m2a). Dies entspricht bei Verwendung von Erdgas zur Wärmeerzeugung einem Primärenergiebedarf von rund 70 kWh/(m2a). Als Bestmarke des heutigen bautechnischen Standards gilt das sogenannte Passivhaus:

Sein gesamter mittlerer Wärmebedarf von rund 30 kWh/(m2a) liegt an der Untergrenze des bautechnisch praktisch und sinnvoll Machbaren. Bei Einsatz eines zentralen Lüftungssystems mit Wärmerückgewinnung kann dabei ein Primärenergiebedarf von rund 40 kWh/(m2a) erreicht werden. Ein Wert von 30 kWh/(m2a) für den Wärmebedarf entspricht umgerechnet etwa 3 Litern leichtem Heizöl je Quadratmeter und Jahr, so dass gelegentlich vom „3-Liter-Energiesparhaus“ gesprochen wird.

Näheres ist der Langfassung zu entnehmen. Sie enthält weitere Informationen für die Ausarbeitung von Referaten, Studienarbeiten und Studien.

Hier können Sie Kurz- und Langfassung gemeinsam als pdf downloaden (pdf, rd. 100 kB). Dieser Beitrag wurde am 26. März 2004 veröffentlicht und im April 2010 aktualisiert.

Ein kostenfreies Programm zur Darstellung und zum Ausdruck von PDF-Dateien und zusätzlichem Browser Plug-In zur On-Line-Darstellung in Ihrem Browser erhalten Sie zum Beispiel unter folgenden Adressen:

Adobe Deutschland

Adobe International

Jemandem diese Seite per Email empfehlen.

Hier können Sie gratis unseren Newsletter bestellen und sich über neue Antworten auf unserer Webseite informieren lassen.