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Veröffentlicht: 7. Februar 2012, Review 28. Jan. '13: ohne Aktualisierung

Was bedeutet der Begriff „2000-Watt-Gesellschaft“?

Von Klaus Theißing
(
Klaus.Theissing@energie-fakten.de)

Antwort

Theißing
Klaus Theißing

„Wenn die Begriffe sich verwirren, ist die Welt in Unordnung“. Mit diesem Zitat des Konfuzius beginnt der Leserbrief zur 2000-Watt-Gesellschaft eines Schweizer Lesers in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 30. Jan. 2012. Er bemängelt in seinem Brief u. a. die Energie würde im Begriff 2000-Watt-Gesellschaft nicht in Wattsekunden (oder auch kWh) angegeben, sondern in Watt. Und weiter, die NZZ und auch die Eidgenössische Hochschule Zürich würden von einer 2000-Watt-Gesellschaft sprechen. Letztendlich wäre dieser Begriff doch ein Richtwert für einen nachhaltig tragbaren Energieverbrauch [und nicht für eine Leistung, KT]. [5]

Schon länger wollten wir bei den Energie-Fakten den Begriff 2000-Watt-Gesellschaft betrachten. Den Leserbrief nehme ich als willkommenen Anlass.

Die „2000-Watt-Gesellschaft“ ist ein Leitbild oder eine griffige Definition einer Lebensweise, deren durchschnittliche Leistungsaufnahme 2000 Watt oder 2 Kilowatt (2 kW) pro Kopf beträgt. Das Jahr hat 24 Stunden / Tag * 365 Tage = 8760 Stunden und somit ergibt sich die zur Verfügung stehende Energie von 2 kW * 8760 h = 17.520 kWh oder 17,52 MWh oder rund 18 MWh um die Zahl griffiger zu machen. Dabei ist jedoch der gesamte Energie- und nicht nur der Stromverbrauch eingerechnet, betrachtet werden müssen also auch z. B. Mobilität und Wärme.

2000 Watt hören sich nach viel „Energie“ an, das Gegenteil ist aber der Fall. 2000 Watt oder 2 kW ist z.B. die Leistungsaufnahme eines mittleren Backofens. Wer ihn eine Stunde lang betreibt, nutzt die Energie von 2 kWh, was am Stromzähler ablesbar ist.

In Deutschland beträgt der Energieverbrauch pro Kopf rund 5500 Watt, in der Schweiz 5000-6000 Watt. [1, 2] Deutschland müsste seinen Energieverbrauch also um mehr als die Hälfte reduzieren um dem Leitbild gerecht zu werden.

Woher kommt der Wert 2000 Watt?

Der durchschnittliche weltweite Energieverbrauch pro Kopf beträgt eben diese 2000 Watt. Natürlich liegen die Industrieländer und einige Golfstaaten schon weit über diesem Wert, aber einige Entwicklungsländer haben einen weit geringeren Energieverbrauch. [3]

Und wer hat‘s erfunden?

Die Schweizer!

Das Leitbild dieses energiepolitischen Modells entstammt dem Programm Novatlantis an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ).

Betrachtung der Machbarkeit

Aufgrund der aufgewendeten (kumulierten) Energie importierter Waren gehen einige Fachleute davon aus, das die 2000-Watt-Gesellschaft nicht machbar ist. Ferner wird der Rebound-Effekt als Hindernis angeführt. [3, 6] (Näheres zur kumulierten Energie siehe: Energieerntefaktoren bei der Erzeugung elektrischer Energie)

Betrachtung der Lebensqualität und Fazit der Forscher

Auf der Projekt-Webseite der ETH Zürich unter novatlantis.ch ziehen die Forscher folgendes Fazit:

„Die Lebensqualität erfährt in der 2000-Watt-Gesellschaft keine Einschränkung. Im Gegenteil: Sicherheit und Gesundheit, Komfort und individuelle Entwicklung der Menschen verbessern sich, die Einkommen steigen in 50 Jahren um rund 60 Prozent. Aber: Diese ambitiösen Ziele sind ohne entschiedenes Handeln nicht zu erreichen.

Die wichtigsten Felder?

  • Erhöhung der Material- und Energieeffizienz.
  • Substitution von fossilen durch erneuerbare Energieträger und Reduktion der CO2- Intensität der übrigen Nutzung fossiler Energien.
  • Neue Lebens- und Unternehmensformen – Stichwort: nutzen statt besitzen
  • Professionalisierung in der Planung und Investition sowie im Betrieb von Bauten und Anlagen.“

Neuere Ansätze: Die 1-Tonne-CO2-Gesellschaft

In der 2008 publizierten «Energiestrategie für die ETH Zürich» des Energy Science Centers (ESC) soll die Emission von klimaschädlichen Gasen, insbesondere der Gehalt an Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre auf einem Niveau eingestellt werden, bei dem der „durchschnittliche Temperaturanstieg gegenüber dem vorindustriellen Stand auf 2 °C beschränkt bleibt“. Dazu soll der CO2-Ausstoss auf 1 Tonne pro Kopf und Jahr gesenkt werden. [2]

Der Unterschied zwischen der „2000 Watt Gesellschaft“ und dem Leitbild „Emission von 1 Tonne CO2“ besteht im Ansatz: Wird im Leitbild 2000-Watt-Gesellschaft der Energieverbrauch beschränkt, ist es bei dem Leitbild „Emission 1 Tonne CO2“ die Emission. Denn letztendlich ist die Emission für den Klimawandel verantwortlich. [2]

Fazit

Insgesamt soll eine Reduktion des Energieverbrauchs erreicht werden. Jedoch betont das ESC stärker die Substitution fossiler Energieträger durch Elektrizität. Diese wird derzeit in der Schweiz mit den europaweit geringsten CO2-Emissionen produziert. [7]

Siehe auch

Quellen

  1. Wikipedia, Stichwort Primärenergieverbrauch, 5. KW 2012
  2. Eidgenossenschaft Schweiz, Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation, Bundesamt für Umwelt (BAFU):
    Webseite zur ETH-Energiestrategie - Die 1-Tonne-CO2-Gesellschaft
  3. Wikipedia, Stichwort 2000-Watt-Gesellschaft, 5. KW 2012
  4. Programm Novatlantis an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ)
  5. Leserbrief von René Marolf in der Neuen Zürcher Zeitung vom 30. Jan. 2012
  6. Wikipedia, Stichwort Rebound, 5. KW 2012
  7. Vortrag Wege der Energiewirtschaft zu einer nachhaltigen Energieversorgung (pdf, rd. 2,3 MB) von Prof. Dr.-Ing. A. Voß, Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung Universität Stuttgart, Seite 8

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